Interpretation von Kurzgeschichten: Die Erzählperspektive – auktorial oder personal

Kapitel 5

Erste Person oder dritte Person?
Ganz leicht zu erkennen ist der Unterschied zwischen einem Ich-Erzähler und einer Erzählung in der dritten Person. Obwohl – vielleicht nicht immer so leicht. Bei Kafkas „Prozess“ tritt oft der Fall auf, dass Schüler mir auf Nachfragen antworten, der Roman sei in der Ich-Perspektive geschrieben.

Das ist er nicht, dafür ist dort ein personaler Erzähler am Werk, der, wie gewünscht, den Eindruck vermittelt, wir würden die Welt einzig und allein durch Herrn K.s Augen sehen, so wie es bei einem Ich-Erzähler der Fall wäre. In diesem Fall so perfekt, dass offenbar bei vielen der Eindruck entsteht, sie würden tatsächlich ein Ich lesen, statt ein Er.

Ein Ich-Erzähler verwendet aber natürlich die Pronomen ich, du, wir und ihr. Mit anderen Worten, es ist eine Geschichte, die jemand über sich selbst erzählt.

Auktorial oder personal?

Eine Geschichte in der dritten Person wird entweder von einem allwissenden Erzähler oder einem personalen Erzähler vorgetragen. Der allwissende (oder auch auktoriale) Erzähler weiß, wie der Name schon sagt, alles über die Personen, Orte und Umstände der Geschichte. Er kennt die Gedanken und Gefühle aller Mitwirkenden.
Ein personaler Erzähler dagegen übernimmt immer nur die Rolle einer Person und erlebt die Geschichte aus ihrer begrenzten Sichtweise, genauso wie bei der Ich-Perspektive.

Aus beiden Perspektiven kann man eine Geschichte spannend erzählen. In einem Krimi ist es zum Beispiel genauso unterhaltsam, mit der Hauptfigur gemeinsam im Dunkeln zu tappen und dem Bösewicht allmählich auf die Spur zu kommen, wie mit dem allwissenden Erzähler zusammen mehr zu wissen als die Personen und sich ständig Sorgen um ihr Leben zu machen, weil man weiß, dass der Killer schon hinter ihnen her ist.

Bei der Ich-Erzählung tauchen oft die berühmten “inneren Monologe” auf, das heißt wir verfolgen mit, was unsere Hauptfigur stumm vor sich hin denkt. Etwas Ähnliches gibt es aber auch in der personalen Erzählweise, nur dass dort in der dritten Person vor sich hin gedacht wird – das nennt man dann “erlebte Rede“.

Beispiele
Innerer Monolog: Wie er mich mit seinen Hundeaugen ansieht! Ich hätte ihm schon vor Jahren die Wahrheit sagen sollen. Gleich wird er gehen, ohne dass er etwas von Egon weiß.

Erlebte Rede: Hätte er das nicht besser machen können? Er sollte wohl lieber gehen.

Kapitel 6: Basissatz, Inhaltsbogen und Überleitung

3 Comments

  1. ich finde es wurde gut interpretiert nur es ist ein wenig zu kurz man sollte es nächstes mal mehr informativ machen

  2. Kann man beide vermischen, sprich, dass es dann einen auktorialen Ich/Er-Erzähler oder einen personalen Ich/Er-Erzähler gibt?

    Danke für die Infos!
    LG

    • Hallo!

      Das ist keine Vermischung, das sind ganz normale Perspektiven, die beim Erzählen zustande kommen können.

      Auktorial beudeutet allwissend, das ist meistens nur ein Erzähler in der dritten Person. Wenn aber jemand z.B. eine Geschichte über Ereignisse aus seinem früheren Leben schreibt, kann er auch allwissend sein, weil er zum Zeitpunkt, wenn er die Geschichte aufschreibt, mehr weiß, als er es in der Situation selbst wusste. Er kennt dann möglicherweise auch die Gedanken und Gefühle der anderen Personen, was bei einem Ich-Erzähler sonst nicht der Fall ist.

      Möglich wäre auch, dass eine alte Geschichte von einem Ich-Erzähler erzählt wird, der aufgrund fiktiver Recherchen (oft sollen es Chronisten sein) ebenfalls alles über die Figuren aus der Geschichte weiß. Oft kommentiert so ein Ich-Erzähler die Geschichte sogar und kommuniziert direkt mit dem Leser. Beispiele dafür sind einige Romane von Stephen King oder auch Walter Moers.

      Ein personaler Erzähler in der ersten oder dritten Person ist ganz normal.

      Viele Grüße
      Silke Günther

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