Kurzgeschichte: Etwas anderes

Etwas anderes

Als Markus nach Hause kam, wirkte die Wohnung seltsam leer und hallend still. Irgendwie schien die Atmosphäre sich geändert zu haben. Etwas fehlte. Wie ferngesteuert ging er in die Küche und fand dort einen Zettel auf dem Tisch. Einen Moment stand er in der Tür und blickte auf das Stück Papier, als könne es sich vor seinen Augen in eine Schlange verwandeln, dann nahm er es in die Hand und faltete es auf. Buchstaben erschienen. Kleine, zierliche, verschnörkelte Buchstaben, die erst einmal keinen Sinn ergaben. Es war Ulrikes Handschrift.

Er konnte gar nicht lesen, was dort stand, weil sein Blick sich panisch verschleierte. Das war es also, das Ende! Oft angedroht. Nie ernst genommen. Jetzt Wirklichkeit.

Erst vorgestern hatten sie sich wieder gestritten, dass die Fetzen flogen. Und das nur, weil Ulrike ihre nasse Kaffeetasse auf dem Schreibtisch abgestellt hatte. Das machte sie ständig und es gab unschöne Ringe auf dem schönen Holz. Es sah aus wie eingebrannte olympische Ringe. Er konnte das nicht leiden. Genauso wenig wie die offene Zahnpastatube im Bad oder die Fressattackenkrümel, die sie in der Küche hinterließ. Diese dummen Kochsendungen, die sie abends im Fernsehen ansah.
„Stell dir doch deinen eigenen Fernseher ins andere Zimmer!“, hatte sie gesagt.
Er wollte aber nicht alleine fernsehen. Er wollte nur etwas anderes sehen.
Aber nun würde er vermutlich immer alleine fernsehen. Der Gedanke riss ein Loch sein Herz entstehen. Waren die Sendungen nicht eigentlich egal gewesen? War das Schöne nicht das Kuscheln gewesen? Die Kommentare und das gemeinsame Lachen?
Verschwunden. Für immer. Aus seinem Leben.
Er stellte fest, dass er den Zettel schon halb zerknüllt hatte. Am liebsten wollte er ihn gleich so in den Mülleimer werfen, doch vielleicht stand ja noch etwas Wichtiges darauf. Keine Erklärung, das brauchte er nicht, das konnte er sich denken. Lieblosigkeit, Rücksichtslosigkeit, Kleinlichkeit. Das hatte er oft genug gehört. Alles nicht so schlimm wie ihre Schlampigkeit, ihre Unpünktlichkeit und ihr Unvermögen, Dinge zu Ende zu bringen.
Oder?
Im Moment wünschte er sich, er hätte es nicht immer so gründlich gegeneinander aufgewogen. Warum hatte er nicht einfach die Klappe gehalten! Waren das denn wirklich Dinge, die eine Partnerschaft zerstören mussten? Ließ sich denn nicht auf etwas anderes bauen?
Nun, er hatte es vermurkst, jetzt bekam er die Quittung. Er schluckte an dem riesigen Kloß in seiner Kehle vorbei die eigene Bitterkeit hinunter, blinzelte das Nasse aus seinen Augen und las, was auf dem Zettel stand:

Habe die Milch vergessen! Bitte noch einkaufen gehen! Und bring die neue Schokolade mit, die wir neulich entdeckt haben – mal etwas anderes!

Britta Hagdorn, 2011

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