Kurzgeschichte: Weltenfenster

Schmetterling- EmailleWeltenfenster

Ich sitze am Fenster.
– Habe mir gestern endlich die grüne Hose gekauft. Danny gefällt das. – Foto? Ich kann ihr Gesicht nicht sehen. Sie hat eine Katze.

Damals hat die Sonne geduftet, nach Orangen und Lichtschutzfaktor. Am Fenster ist es kalt. Alles besteht aus Bildern. Ich auch. Niemand sieht wirklich mich. Warum sieht mich niemand? Ich will nicht, dass jemand sieht, wie ich wirklich bin. Schmetterlingsfell mit Krallenschmerzen. Zu kompliziert.

– Treffen Eiscortina, 16.30 Uhr. Soll ich hingehen? Fünf Leuten gefällt die grüne Hose nicht.

Damals schmeckte Lachen warm, nach Zuckerwatte und Kino. Lache, und die Welt lacht mit dir, weine, und du weinst allein. Zwanzig Leuten gefällt der Spruch.

Martin ist eine halbe Stunde gelaufen. Woher weiß ich das? Ich kaufe ein blaues Einhorn und würde es gerne streicheln. Kerstin hat ein Buch zu Ende gelesen. Wiesenonkel zeigt ein Video. Hein Rich lädt uns ein. Ich KENNE diese Leute gar nicht.

– Mir ist langweilig. Niemandem gefällt das.

Damals hat mein Rücken gekribbelt, Kontakt. Ich habe 234 Kontakte.

Jetzt sitze ich am Fenster, die ganze Welt gehört mir. Straßen, Häuser, Städte, Länder, Ozeane, ich sehe alles. Pflanzen, Tiere, Promis, Technik, Krankheiten, ich weiß alles. Bücher, Musik, Kleidung, Spiele, ich kaufe alles. Weltenfenster. Fensterwelten.

Wenn ich den Knopf drücke, ist alles weg.

Britta Hagdorn, 2012

2 Comments

  1. Guten Tag, erstmal vielen Dank für die tolle Seite 😉 Lerne damit gerade für mein Abi, welches ich morgen schreibe und bin noch am überlegen ob ich eine Interpretation einer Kurzgeschichte nehme oder eine Textgebundene Erörterung….

    Gibt es hier auch Musterlösungen zu den beiden Kurzgeschichten :-)?

    MFG

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