Anleitung – Textgebundene Erörterung: Argumentationsanalyse

Kapitel 6: Du bist blöd, und ich habe Recht!

Wichtig bei der Analyse ist: Ihr seid jetzt nicht gefragt, was ihr über das Thema denkt, sondern ihr sollt die Argumentationsweisen der Autoren auseinandernehmen und bewerten.

Das heißt, euer Text lautet nicht: „Meiner Meinung nach kann man gar kein guter Mensch sein, wenn man nicht an Gott glaubt“, sondern zum Beispiel: „Die Argumente des Autors, die beweisen sollen, dass ein Mensch ohne Glauben kein guter Mensch sein kann, sind mehr als dürftig. Zum einen …“

Aufbau von Argumenten
Arten von Argumenten
Argumentationsstrategien

Behauptung, Begründung, Schlussfolgerungen, Beispiele
Eigentlich sollte man meinen, wer die richtigen Fakten kennt, sie gut begründen und sie vielleicht auch noch mit Quellen und Beispielen belegen kann, hält die besten Karten in der Hand, um in einer Diskussion zu überzeugen. Ja, vielleicht, wenn man es nur mit Vulkaniern, Androiden und Sheldon Cooper zu tun hat, aber Menschen lassen sich auch noch auf andere Art und Weise überzeugen.

Überzeugen oder überreden?
Überzeugen bedeutet, meine Behauptungen sind so gut erklärt und begründet und durch Belege gesichert, dass mein Gegenüber sie nachvollziehen und zustimmen kann. Es erfolgt eine freiwillige Einstellungsveränderung.
Überreden bedeutet, ich wende alle schmutzigen Manipulationstricks an, die ich kenne, um mein Gegenüber dazu zu bringen, zu denken, was ich will. Inklusive Heulen und Zähneklappern.
Es liegt auf der Hand, dass sich ein überzeugter Mensch hinterher besser fühlt als ein überredeter. Was nicht so ganz auf der Hand liegt: Auch ein überzeugender Redner kann lügen.

 

Aufbau

Behauptung
Ein komplettes Argument besteht aus einer Behauptung (These), einer Begründung dazu (warum ist das so?) bzw. einer Erklärung und einem Beispiel. Wenn man mehrere Begründungen hat oder einem mehrere Beispiele für eine Behauptung einfallen, ist das auch in Ordnung.

Eine Behauptung an sich ist zunächst einmal nur – naja, eine Behauptung eben. Ohne erklärende Begründung völlig wertlos. So etwas wie:

  • Raucher sind rücksichtslos.
  • Politikern geht es nur um die Macht.
  • Jeder Mensch verschluckt im Laufe seines Lebens mindestens drei Spinnen.

Ja, genau. Wie soll man darauf schon anders reagieren als mit Kopfschütteln. Sowas sind keine Argumente. Es reicht schon, einmal mit „Hä?“ nachzufragen, dann wird der Argumentierer große Teil der Behauptung zurücknehmen müssen.

Begründungen bzw. Erklärung
In einer ordentlichen Diskussion muss man seine Behauptungen auch ordentlich erklären. Diese Erklärung lässt sich gut mit „weil“ oder „denn“ an die Behauptung binden. Sie kann aber auch einen eigenen Satz bilden.

1. Beim Essen darf man nicht rülpsen, weil die in unseren Breitengraden geltenden Tischmanieren besagen, dass sich dies nicht gehört.
2. Ein Pferd ist größer als eine Katze. Es handelt sich um zwei verschiedene Spezies, die einen unterschiedlichen genetischen Bauplan für unterschiedliche Umweltanforderungen haben.

Schlussfolgerungen
Um dem Leser einen Hinweis zu geben, inwiefern die begründete Behauptung zum Thema passt, und wie plausibel das Argument überhaupt ist, kann man eine Schlussfolgerung ziehen. Unsere obigen Beispiele:

1. Beim Essen darf man nicht rülpsen, weil unsere aktuellen Regeln der Tischmanieren es so vorgeben. Schlussfolgerung(en): Wenn man an entsprechender Stelle einen guten Eindruck machen will, sollte man sich daran halten. Wenn mir Tischmanieren egal sind, darf ich sehr wohl beim Essen rülpsen. Diese Behauptung hat also nur eingeschränkte Gültigkeit

2. Ein Pferd ist größer als eine Katze, weil es als andere Spezies anders an seine Umwelt angepasst ist. Schlussfolgerung: Verschiedene Spezies unterscheiden sich in verschiedenen Merkmalen. (Oder auch: Ein Pferd eignet sich für mich zum Reiten, eine Katze nicht.)

Beispiele und Vergleiche
Wie wir im Kapitel „Verständlichkeit“ schon besprochen haben, gehören lebensnahe Beispiele und anschauliche Vergleiche zu einer guten Erklärung dazu. Sie müssen aber auch wirklich passen, sonst kommt man vom Thema ab.

Ein komplettes Argument
Behauptung: Kinder, die viel lesen, sind in Rechtschreibung und Aufsätzen besser als Kinder, die wenig lesen.
Erklärung/Begründung: Durch regelmäßiges Lesen verinnerlichen Kinder nicht nur das Schriftbild der Wörter, sondern auch den Aufbau und Ablauf von Geschichten, sowie viele Vorlagen für eigene Geschichten.
Schlussfolgerung: Was man viel und regelmäßigt übt, hinterlässt Spuren im Gehirn und ist leichter anwendbar.
Beispiel/Vergleich: Alle Meister in ihrem Fach z.B. auch Spitzensportler sind durch regelmäßiges Training so gut geworden.

Verschiedene Arten von Argumenten

Basierend auf den Schlussfolgerungen kann man grob drei Arten von Argumenten unterscheiden:

Deduktive Schlussfolgerungen
Spätestens seit England seinen „Sherlock“ neu verfilmt hat, ist die „Science of Deduction“ wieder populär. Die Kunst des Schlussfolgerns. Dazu verwendet der berühmte Detektiv seine scharfe Beobachtungsgabe und sein breit gestreutes Fachwissen. Es geht hier um die Anwendung von allgemein gültigen Fakten und Theorien auf Einzelfälle und es liegt auf der Hand, dass solche Argumente in einen informativen Text gehören.

Beispiele:

  • Krabbeltiere mit 6 Beinen sind Insekten, die mit 8 Beinen Spinnentiere. Der Skorpion, der gerade mein Hosenbein hoch kriecht, gehört also zu den Spinnentieren.
  • Die Flasche mit 100ml kostet 2,40€, die mit 500ml 10€. Ich spare also, wenn ich die große Flasche kaufe.

Induktive Schlussfolgerungen
Induktive Schlussfolgerungen führen leicht zu Fehlschlüssen. Sie hören sich an wie gute Argumente, aber wenn man darüber nachdenkt, stützen sie sich lediglich auf Begründungen wie persönliche Erfahrungen, die allgemeine Meinung, gesellschaftliche Normen und Traditionen, Moral, Ideologie, Nichtwissen, Zufälle, Übertreibung, Erfolg usw. Solchen Argumenten begegnet man immer und überall. Das Gute ist, im Normalfall kann man sie relativ leicht entkräften.

Beispiele:

  • Mein Nachbar, der Franzose, ist abends immer unglaublich laut. Daraus folgt: Die Franzosen sind ein lautes Volk. (Verallgemeinerung)
  • Bisher habe ich immer beim Kartenspielen verloren, also wird das auch diesmal so sein. (Erfahrung)
  • Dr. Markus Maier, der leitende Psychiater am Uniklinikum XY, meint dazu… (offizieller Experte)
  • Meine 90-jährige Tante sieht höchstens wie 70 aus und hat ihr Leben lang nur Nivea benutzt. (persönlicher Experte)
  • Wenn so viele Leute daran glauben, muss es doch wahr sein. (Mehrheitsmeinung)
  • Alle Kinder sollten ihren Heimatdialekt lernen, weil das etwas Einzigartiges ist. (Normen)
  • Wenn das Ihrem Kind passiert wäre, wären Sie bestimmt auch für die Todesstrafe. (Hypothetischer Fall)
  • In der Politik stopft sich jeder die Taschen voll – sonst wären es ja keine Politiker (Zirkelschluss)
  • Bisher konnte niemand beweisen, dass es keinen Gott gibt, also muss es einen geben. (Nichtwissen)
  • Kälte und Regen kann man besser vorhersagen als Sonne und Hitze. Die Wettervorhersage liegt bei Kälte und Regen öfter richtig. (Scheinrationalität)
  • Wer heilt, hat Recht. (Erfolg gibt Recht)
  • Traditionelle chinesische Medizin wird schon seit 3000 Jahren angewandt, deshalb muss sie gut sein. (Tradition)
  • Globulis haben keine Nebenwirkungen, also kann es ja auch nicht schaden, sie zu nehmen. (Beschwichtigung)
  • Lehrer und Schüler sollten auch bewaffnet werden, damit sie sich im Fall eines Angriffs wehren können. (Angst)
  • Herr XY verdient viel mehr als der Durchschnittsbürger, den willst du doch nicht wirklich wählen? (Neid)
  • Mit dem Rauchverbot greift der Staat ins Privatleben der Bürger ein, lasst euch das nicht gefallen! (Hass)

Scheinargumente
Scheinargumente tun nicht einmal mehr so, als wären sie ordentlich aufgebaut und logisch. Trotzdem können sie überzeugend sein. Sie basieren auf persönlichen Angriffen, Drohungen, dem angeblich gesunden Menschenverstand, Emotionalisierung und Scheinrationalität. In Wirklichkeit bestehen sie aus undurchsichtigen hohlen (Killer-)Phrasen, Unterstellungen und Diskreditierung. Dies sind Diskussionsformen, wie sie von Manipulatoren und Aufhetzern verwendet werden. Oder von Leuten, die einfach keinerlei harte Fakten auf ihrer Seite haben. Sie setzen auf kleine Wissenslücken, fehlende Beweise und Verschwörung des Bösen.

Beispiele:

  • Du sagst, ich soll sofort mit dem Rauchen aufhören, weil es eine Gefahr für die Gesundheit ist. Dabei rauchst du selbst Kette, so ungesund kann es also wohl nicht sein.
  • Solche Typen, die uns mit Moral daherkommen, sollen sich lieber mal an die eigene Nase fassen.
  • Das haben wir aber schon immer so gemacht.
  • Natürlich kann sich jeder seinen Arzt selbst aussuchen, aber wer vertraut schon einem Schulmediziner, die ja alle von der Pharmaindustrie gesponsert werden.
  • Also, da steht jetzt aber auch nicht, dass sie es nicht getan hat.
  • Kannst du denn beweisen, dass es nicht so ist?
  • Da wird es wohl Details geben, die uns nicht bekannt sind.

Sehr beliebt sind auch so genannte Killerphrasen, die eine Diskussion zu jedem beliebigem Punkt beenden oder andere Teilnehmer so verunsichern oder herabsetzen können, dass sie den Faden verlieren:

  • Das ist mir jetzt zu anstrengend, ich bin raus.
  • Das wird mir hier jetzt zu blöd.
  • Ich persönlich bin nicht überzeugt, aber schön, dass wir mal drüber gesprochen haben.
  • Jeder sieht/hört/spürt doch schließlich, dass …
  • Es ist doch offensichtlich, dass …
  • Wem das nicht einleuchtet, der hat einfach noch nie …
  • Wenn du nicht immer nur RTL gucken würdest, wüsstest du auch, dass …

Solche Sätze leisten keinen konstruktiven Beitrag in einer Diskussion, sie werden ausschließlich zu manipulativen Zwecken eingesetzt. Mit den Worten von Calvin aus „Calvin und Hobbes“: „Wenn Argumente nichts nutzen, versuch’s mit Lautstärke!“

Im Internet hat sich das Scheinargumentieren in Form des Trolling bereits zu einer Freizeitgestaltung erhoben.
Wie man es richtig macht, kann man in diesem sehr witzigen Artikel, der voll ins Schwarze trifft, nachlesen: Das kleine Troll-Handbuch.

Kapitel 7: Sag mir, wie du argumentierst, dann sage ich dir, wer du bist.

 


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